Warum klassische Beteiligungsformate oft abschrecken
Wir merken immer wieder, wie schnell ein gutes Anliegen an einer ganz leisen Schwelle hängen bleibt, lange bevor überhaupt eine Entscheidung fällt oder ein Konflikt sichtbar wird: an dem Moment, in dem Menschen sich fragen, ob sie da überhaupt hingehören und ob sie das aushalten werden.
Die Schwelle vor der Tür
Viele klassische Beteiligungsformate fühlen sich an wie ein Raum, in den man erst eintreten darf, wenn man schon weiß, wie alles funktioniert. Wir sitzen dann vielleicht in einem Saal mit Mikrofon, Tagesordnung und Redezeiten, und plötzlich geht es weniger um das Thema als um das richtige Verhalten im richtigen Moment. Wer neu ist, beobachtet erst einmal, wer die Regeln kennt, wer gelassen bleibt, wer den Ton setzt. Es ist nicht unbedingt böser Wille, oft nicht einmal bewusste Abgrenzung, und trotzdem entsteht eine stille Botschaft: Hier wird erwartet, dass du dich auskennst. Diese Erwartung kann schwerer wiegen als jedes inhaltliche Argument.
Wenn Sprache zu einem Passwort wird
Wir erleben, dass Beteiligung manchmal an Worten scheitert, bevor sie an Taten scheitert. Es gibt diese Sätze, die so klingen, als würde man ein Formular vorlesen, und diese Fachbegriffe, die als Abkürzung gedacht sind, aber wie eine verschlossene Tür wirken. Wer nicht sicher ist, fragt seltener nach, weil Nachfragen sich wie ein Eingeständnis anfühlt. Ich kenne das von mir selbst, wenn ich in einem neuen Kontext sitze und innerlich abwäge, ob ich gerade klug genug wirke, um überhaupt sprechen zu dürfen. In solchen Momenten verlieren wir als Gruppe etwas Wertvolles, weil wir anfangen, Kompetenzen zu verwechseln: Sprachsicherheit gilt plötzlich mehr als Erfahrung, Lautstärke mehr als Sorge, Routine mehr als Perspektive.
Zeit als unsichtbare Eintrittskarte
Beteiligung wird oft so organisiert, als hätten wir alle gleich viel davon: Zeit, Energie, Aufmerksamkeit. Ein Termin am frühen Abend klingt neutral, ist es aber nicht, wenn Kinder ins Bett müssen, Schichten wechseln, Wege lang sind oder der Tag schon verbraucht ist. Manchmal ist es nicht einmal der Termin selbst, sondern die Art, wie Termine aneinandergereiht werden, wie Dokumente kurz vorher kommen, wie viel Vorwissen vorausgesetzt wird. Wir sagen dann leicht, dass Menschen kein Interesse haben, aber oft stimmt eher, dass das Format keine Rücksicht nimmt. Engagement wird zur Zusatzleistung, und wer schon viel trägt, trägt dann eben noch mehr oder bleibt draußen.
Die Angst, falsch zu sein
Klassische Formate sind häufig auf Ordnung gebaut, und Ordnung kann beruhigen, aber sie kann auch einschüchtern. Wenn jede Wortmeldung öffentlich ist, wenn Protokolle entstehen, wenn sich die Stimmung schnell zuspitzt, dann wächst die Angst, etwas Falsches zu sagen und dafür festgenagelt zu werden. Wir kennen diese Momente, in denen wir schon eine Idee haben, aber sie ist noch nicht fertig, noch nicht gut genug, eher ein vorsichtiges Tasten. Gerade solche unfertigen Gedanken brauchen eigentlich Schutz, um sich entwickeln zu dürfen. Stattdessen erleben wir oft, dass Beteiligung wie ein Test wirkt, den man bestehen muss, und nicht wie ein gemeinsamer Versuch, etwas zu klären.
Was wir uns stattdessen wünschen
Wenn wir bei Aktivismo über Beteiligung nachdenken, dann denken wir viel über den Anfang nach, nicht über den Abschluss. Wir fragen uns, wie ein erster Schritt aussehen kann, der klein genug ist, um nicht zu überfordern, und klar genug, um nicht zu frustrieren. Manchmal bedeutet das, dass wir Struktur anbieten, ohne die Kontrolle zu übernehmen, und dass wir helfen, Gedanken zu sortieren, ohne Entscheidungen zu ersetzen. Ich wünsche mir Formate, in denen man leise anfangen darf, in denen man sich herantasten kann, in denen Fragen genauso willkommen sind wie Positionen. Und ich wünsche mir, dass wir ehrlich bleiben über Grenzen, auch über unsere eigenen, weil Vertrauen nicht durch Perfektion entsteht, sondern durch ein gemeinsames Gefühl von Sicherheit.
Am Ende geht es um Würde
Vielleicht schrecken klassische Beteiligungsformate nicht deshalb ab, weil Menschen zu wenig wollen, sondern weil sie zu oft spüren, dass ihr Wollen unter Bedingungen gestellt wird. Wir merken dann, wie schnell Beteiligung zu einer Bühne wird, statt zu einem Gespräch, und wie schnell Verfahren wichtiger werden als Menschen. Wenn wir Beteiligung neu denken, dann geht es für uns nicht zuerst um neue Werkzeuge, sondern um eine andere Haltung: dass wir einander die Zeit, die Sprache und die Unfertigkeit zugestehen. Vielleicht ist das der leiseste, aber entscheidende Anfang, dass wir Räume schaffen, in denen man nicht erst beweisen muss, dass man dazu gehört, sondern in denen man es beim Reinkommen schon spürt.
